Vorwort

Anläßlich der Wahl von Herrn Priv.-Doz. Dr. med. Klaus Hamm zum Vorsitzenden der Medizinisch-Wissenschaftlichen Gesellschaft Erfurt e. V.. Am 16. Juni 2004, gab ich ihm das Versprechen, ihn in seiner neuen Aufgabe zu unterstützen und meinem Vermögen entsprechend zu versuchen, die Geschichte dieser traditionsreichen Vereinigung von Akademikern am heutigen Helios Klinikum Erfurt aufzuarbeiten.
Nach Obernahme umfangreicher Unterlagen führten mich erste Recherchen auch zum folgenden Beitrag meines verehrten medizingeschichtlichen Lehrers, Prof. Dr. sc. phil. Horst-Rudolf Abe. Seiner Arbeit, veröffentlicht in "Beiträge zur Geschichte der Universität Erfurt", Band 18 (1975-1978), anläßlich des 100. Geburtstages von Prof. Dr. med. E. Schwarz, gibt es - so meine ich - nichts hinzuzufügen.
Vielmehr sehe ich nun meine Aufgabe darin, die Geschichte unserer Gesellschaft in den folgenden Jahrzehnten, die ich größtenteils selbst miterlebt habe, aufzuarbeiten und vor allem jenen Lehrern und Kollegen zu widmen, denen auch ich in meiner medizinischen Laufbahn viel verdanke.
Ich hoffe, ich bin dieser anspruchsvollen und mühsamen Aufgabe gewachsen.

Dr. med. Lothar Kaiser

Facharzt f. Chirurgie i. R.

 

Die Medizinisch-wissenschaftliche Gesellschaft an der Medizinischen Akademie Erfurt - Geschichte, Traditionen, Perspektiven
von
Herwarth Horn und Horst Rudolf Abe
Nach dem vom Vorsitzenden der Gesellschaft, Prof. H. Horn, am 26. September 1976 in Schloß Molsdorf gehaltenen Festvortrag anläßlich des 20jährigen Bestehens der Gesellschaft

Es ist Brauch, bei Jubiläen von Vereinigungen - nicht nur von wissenschaftlichen - Rückschau zu halten auf die zurückliegenden Jahre, auf Personen und Ereignisse, auf Leistungen und Versuche zu solchen. Die Medizinisch-wissenschaftliche Gesellschaft an der Medizinischen Akademie Erfurt, am 9. Februar 1955, nur wenige Monate nach der Medizinischen Akademie selbst, gegründet, sieht in diesem Jahre auf 2 Dezennien ihrer Arbeit zurück. Die Gesellschaft war von vornherein territorial angelegt, sie ging hervor aus den qualifizierten Fortbildungsveranstaltungen, die schon in den Jahren zuvor an den Städtischen Krankenanstalten Erfurt durchgeführt worden waren. Eine solche territoriale, interdisziplinär wirkende Gesellschaft hat nicht die Aufgabe, Kongresse, Symposien oder andere mehrtägige Veranstaltungen durchzuführen, sondern vielmehr, durch Kontinuität ihrer Arbeit, durch regelmäßigen wissenschaftlichen Meinungsaustausch, durch die Abhaltung wissenschaftlicher Abende in regelmäßigen Abständen der Information, der Weiterbildung, der persönlichen Begegnung zu dienen und damit das ärztliche Niveau zu heben und durch Diskussion zur Klärung neuer Sachverhalte beizutragen.

Auch die Aufgabe unserer Fachgesellschaften, die es heute in der DDR für alte medizinischen Disziplinen gibt, Dokumente zu erarbeiten, Empfehlungen zu geben und in ähnlicher Weise für die Gesundheitsbehörden wirksam zu werden, hat für unsere Gesellschaft kaum angestanden. Das bedeutet keine Schmälerung der Würdigung ihrer Leistungen, denn die Vorträge, die in den seit der Gründung vor 20 Jahren durchgeführt mehr als 170 wissenschaftlichen Sitzungen gehalten worden sind, haben eine große Ausstrahlung auf das ärztliche Niveau unserer Hochschule, unserer Stadt und ihrer weiteren Umgebung gehabt und können insgesamt sehr positiv eingeschätzt werden. Dennoch wollen wir uns nicht mit einzelnen Veranstaltungen oder mit den Namen bedeutender Gäste unserer Gesellschaft befassen, sondern die engere Geschichte der Medizinisch-wissenschaftlichen Gesellschaft an der Medizinischen Akademie Erfurt als einen Bestandteil der Geschichte des Neuaufbaus medizinisch-wissenschaftlicher Gesellschaften in der damaligen Sowjetischen Besatzungszone, unserer heutigen Deutschen Demokratischen Republik, zu würdigen versuchen.

Um unsere geschichtliche Entwicklung ganz verstehen und würdigen zu können, müssen wir uns das Schicksalsjahr 1945 in Erinnerung rufen. Der faschistische Staat hatte bedingungslos kapitulieren müssen und hinterließ in ganz Deutschland ein heute fast nicht mehr vorstellbares Chaos.

Alle bis dahin auf dem Gebiet Deutschlands existierenden medizinischen Gesellschaften waren durch Kontrollratsbeschluß aufgelöst worden. Waren sie doch im Verlauf der faschistischen Diktatur zunehmend unter den Einfluß der faschistischen Ideologie gelangt, zumindest durch die Einsetzung neuer Vorsitzender und neuer Vorstände durch das Reichsinnenministerium und den sogenannten Reichsärzteführer. Zuletzt waren alle Gesellschaften gleichgeschaltet. Dieser unbequemen Wahrheit über die Geschichte unserer Medizinischen Gesellschaften können wir uns nicht entziehen. Sie ist notwendig für das Verständnis des eigentlichen Neuanfangs im Gebiet der Deutschen Demokratischen Republik; einen Neuanfang, der einen Strich zog zwischen jener Medizin ohne Menschlichkeit und unseren Vorstellungen über die unverzichtbaren humanitären Grundlagen ärztlichen Handelns.

Bereits am 25. Januar 1947 erließ der sowjetische Marschall Sokolowski den Befehl 124, nach dem die "Organisation wissenschaftlich-medizinischer Gesellschaften in der sowjetischen Besatzungszone" zugelassen wurde. Als Anlage zu diesem Befehl wurde gleichzeitig ein Musterstatut für den organisatorischen Aufbau der Gesellschaften beigefügt: auch wir, die Medizinisch-wissenschaftliche Gesellschaft an der Medizinischen Akademie Erfurt, verdanken die Grundstrukturen unseres Statutes dieser Anlage zum Befehl 124.

Im § I dieser Anlage zum Befehl 124 wird die Zielstellung solcher neugegründeten medizinischen Gesellschaften umrissen: "Sie setzt sich zum Ziel die Förderung des Erfahrungsaustausches im Bereich der wissenschaftlichen und praktischen Medizin, der Steigerung des Fachwissens der Ärzte und der Demokratisierung der deutschen medizinischen Wissenschaft und des Gesundheitswesens, die Aufdeckung der faschistischen Ideologie und deren endgültige Ausrottung".

Im Befehl 124 wurden die Universitätsstädte mit medizinischen Fakultäten ausdrücklich zur Gründung derartiger Medizinisch-wissenschaftlicher Gesellschaften berechtigt, während bei einer Gründung in anderen Städten Auflagen hinsichtlich einer Mindestzahl von ansässigen Ärzten gemacht wurden.

Damit entsprach der Befehl der historischen Rolle, die in Deutschland den medizinischen Fakultäten in der ärztlichen Fortbildung und Forschung immer zugekommen waren.

Deshalb war es auch fast selbstverständlich, daß nach Gründung der Medizinischen Akademie Erfurt im Jahre 1954 der Lehrkörper dieser Hochschule, in Wahrnehmung seiner Verantwortung für die ärztliche Fort- und Weiterbildung, auch die Gründung einer Medizinisch-wissenschaftlichen Gesellschaft vornahm.
Dieser Entschluß entspricht auch der neuen wissenschaftlichen Situation in der Stadt Erfurt. Denn heute verfügen wir in Erfurt nach der Auflösung der Erfurter Universität 1816 wieder über wissenschaftliche Forschungsstätten, die gerade in diesem Jahr um mehrere bedeutende erweitert wurden, und haben damit auch die Basis für das Wirken einer wissenschaftlichen Gesellschaft mit hohen Ambitionen, die, einen kontinuierlichen Leistungsanstieg antizipierend, die Pflege alter, progressiver Traditionen übernehmen will.

Die Leitung unserer Gesellschaft lag seit ihrer Gründung in den Händen namhafter Lehrstuhlinhaber der Medizinischen Akademie. Der um die Gründung der Akademie wie der Gesellschaft hochverdiente Pathologe Professor Dr. Güthert war von 1955 bis 1958 der erste Vorsitzende, ihm folgten 1958 der Pädiater Professor Dr. Liebe, 1959 der Dermatologe Professor Dr. Pieper, 1961 der Orthopäde Professor Dr. Kaiser. In den Jahren 1961 bis 1963 lag der Vorsitz in den Händen des Pharmakologen Professor Dr. Dr. Markwardt, von 1963 bis 1967 in denen des Chirurgen und jetzigen Rektors der Akademie Professor Dr. Usbeck und von 1967 bis 1973 stand die Gesellschaft unter der Leitung des Neurologen und Psychiaters der Akademie Professor Dr. Dr. Heidrich.

Versuchen wir, die durchgeführten Veranstaltungen in drei Abschnitte zu gliedern, so ergibt sich etwa folgendes Bild. Von 1955 bis 1963 wurden 79 ordentliche Sitzungen mit 102 Referenten durchgeführt; 75 der Referenten kamen aus der DDR, 22 aus der BRD und 5 aus dem sozialistischen Ausland. Die Themen umfaßten alle Gebiete der klinischen und theoretischen Medizin und auch solche allgemeinbildenden Charakters. Von 1963 bis I970 wurden 53 Sitzungen mit insgesamt 111 Vorträgen durchgeführt. Hinsichtlich der Thematik dieser Referate gilt das gleiche wie für den zuvor genannten Zeitraum. Doch der Anteil der Referenten aus dem sozialistischen Ausland nahm ständig zu, und wir konnten auch hochprofilierte Gäste aus den westeuropäischen Ländern am Rednerpult der Gesellschaft begrüßen. In den letzten fünf Jahren fanden im Durchschnitt jährlich 10-12 wissenschaftliche Sitzungen statt. Der Anteil wissenschaftlicher Veranstaltungen mit einem profilierten Redner an einem Abend nahm zu, desgleichen der Anteil ausländischer Gäste, die, oft getragen von persönlichen Kontakten Erfurter Wissenschaftler, anläßlich des Besuches zentraler wissenschaftlicher Veranstaltungen in der DDR Erfurt einer Reise wert fanden.

Im Gründungsjahr umfaßte die Gesellschaft 123 Mitglieder. Bis 1973 war diese Zahl auf 184 angestiegen, und heute gehören ihr 235 Mitglieder an. Das ist mehr als der Mitgliederbestand vieler fachspezifischer Gesellschaften. Anläßlich des 25. Jahrestages der Gründung der Deutschen Demokratischen Republik ernannte die Gesellschaft die früheren Magnifizenzen der Akademie Prof. Dr. Güthert, Prof. Dr. Schröder und Prof. Dr. Dr. h. c. Dr. h. c. Sundermann in Würdigung ihrer besonderen Verdienste zu Ehrenmitgliedern.

 

 

Der Vorsitzende der Medizinisch-wissenschaftlichen Gesellschaft an der Medizinischen Akademie Erfurt, Prof. Dr. H. Horn, während seines Festvortrages am 26. September 1975 in Schloß Molsdorf anläßlich des 20jährigen Bestehens der Gesellschaft.
Foto: Institut für Allgemeine Hygiene an der medizinischen Akademie Erfurt.

 

Die steigende Zahl unserer Mitglieder kann uns aber nicht darüber hinwegtäuschen, daß der Grad der Identifizierung der Mitglieder mit unserer Gesellschaft und ihren Zielen nicht immer gleich hoch gewesen ist. Darauf kommen wir im letzten Teil unserer Ausführungen zurück.
Es wäre aber unvereinbar mit den Aufgaben einer wissenschaftlichen Gesellschaft, ihre Wirksamkeit ausschließlich auf die Fortbildungsbedürfnisse für die ärztliche Tagesarbeit beschränkt wissen zu wollen. Denn nicht weniger wichtig als eine solche Wirksamkeit erscheint uns die Verpflichtung, einen angemessenen Beitrag zur Erschließung, zur Aneignung und zur sinnvollen Pflege unseres großen kulturellen Erbes zu leisten. Handelt es sich doch dabei um einen kontinuierlichen gesellschaftlichen Prozeß, der kein Abseitsstehen und kein Ressortdenken duldet, sondern von der Erkenntnis bestimmt wird, daß humanistisches Erbe und progressive historische Traditionen für immer unverzichtbare Bestandteile unserer marxistisch-leninistischen Weltanschauung sind, vor deren Hintergrund unser ärztliches Wirken für die sozialistische Gesellschaft und jedes einzelne ihrer Glieder Form und Inhalt, Sinn und Gestalt gewinnen muß. Demzufolge ist es auch unserer Gesellschaft aufgetragen, sich dieser ständig neu stellenden Forderung entsprechend würdig zu erweisen und ihr in möglichst umfassender Weise gerecht zu werden. Die zwanzigjährigen, überaus erfolgreichen Bemühungen der Medizinischen Akademie Erfurt um die Aufhellung der Geschichte der alten Erfurter Universität - der ältesten Hochschulgründung auf dem Boden der heutigen Deutschen Demokratischen Republik - können uns hierbei als nachahmenswertes Beispiel' dienen. Diese Bemühungen weisen uns zugleich aber auch den Weg zurück zu der 1754 ins Leben gerufenen "Kurfürstlich-Mainzischen Akademie nützlicher Wissenschaften zu Erfurt" - der zweitältesten Akademiegründung auf dem Gebiete unseres heutigen ersten deutschen Arbeiter- und Bauernstaates-, die bis zur Auflösung der Erfurter Alma mater im Jahre 1816 zu dieser Hochschule in ähnlich engen Wechselbeziehungen gestanden hat wie unsere Medizinisch-wissenschaftliche Gesellschaft zur Medizinischen Akademie und die nach der Schließung der "Hierana" die schwere Bürde übertragen bekam, fortan als eigentliche Sachwalterin der stolzen Traditionen dieser altehrwürdigen europäischen Bildungsstätte zu fungieren.
Selbstverständlich kann hier nicht der Platz sein, in knappen Strichen die bewegte Vergangenheit dieser berühmten deutschen Gelehrtenvereinigung auch nur andeutungsweise nachzuzeichnen. Entstanden aus dem fortschrittlichen Geist jener -roßen, vorwärtsweisenden Bewegung der Aufklärung, die Friedrich Engels einmal den "vorletzten Schritt zur Selbsterkenntnis und Selbstbefreiung der Menschheit" genannt hat, und erloschen in der Nacht der faschistischen Barbarei, umschloß das Werden und Vergehen dieser Akademie einen Zeitraum von nahezu zwei Jahrhunderten, in denen sie alle Höhen und Tiefen deutscher Geschichte zu durchmessen hatte. Unübersehbar erscheinen mithin die Namen jener Mitglieder, die es im Sinne eines wohlverstandenen sozialistischen Geschichtsbewußtseins getrost der Vergessenheit zu überantworten gilt. Ebenso unübersehbar erscheinen aber auch die Namen solcher Angehöriger der Akademie, die für uns Heutige mehr denn je zuvor Verkörperungen bester progressiver Traditionen darstellen. Aus ihrem Kreis seien nur die folgenden 3o Mitglieder der ersten sieben Jahrzehnte der Erfurter Akademiegeschichte kurz erwähnt, wobei zu bemerken ist, daß diese Zahl sich ohne Schwierigkeiten verdoppeln ließe.

So seien z. B. genannt:

Juncker  Wieland

für das Gründungsjahr 1754 Johann Juncker (1679-1759), der 1716/17 in Halle die erste deutsche Poliklinik eröffnete, Rudolf Augustin Vogel (1724-1774), der 1754 die erste kritische Fachzeitschrift für Medizin herausgab, und Christoph Martin Wieland (1733-1813), der große Wegbereiter der deutschen Klassik und bedeutendste Prosadichter der deutschen Aufklärungszeit;

Buechner

für 1755 Andreas Elias Büchner (1701-1769), der unvergessene Reformator der heutigen "Deutschen Akademie der Naturforscher Leopoldina";
für 1757 Franz Ulrich Theodor Aepinus (1724-1802), der als erster mathematische Gesetze auf die Elektrizität anzuwenden versuchte und sich überdies um die Popularisierung der heliozentrischen Lehre in Russland außerordentliche Verdienste erwarb;
für 1760 der französische Chemiker und Lehrer Lavoisiers Guillaume Francois Rouelle (1703-1770), der als erste zwischen neutralen, sauren und basischen Salzen unterschied und dem wir die Definition des Begriffes "Salz" zu verdanken haben;

Wiegleb

für 1776 Johann Christian Wiegleb (1732-1800), der die früheste praktisch-chemische Lehranstalt Deutschlands ins Leben rief;

Loder
  Tabulae Anatomicae

für 1779 Justus Christian Loder (1753-1832), der damals bedeutendste Anatom deutscher Zunge und verdienstvolle Förderer des Moskauer Gesundheitswesens;

Frank

für 1780 Johann Peter Frank (1745-1821), der Stammvater der Sozialhygiene;

Scheele

für 1784 der schwedische Chemiker Carl Wilhelm Scheele (1742-1786), der Entdecker des Sauerstoffs, des Chlorgases und des Glyzerins;
für 1785 Karl Ritter von Mertens (1173-1788), der 1768 in Rußland die bis dahin dort noch unbekannte Sutton-Dimsdalesche-Pocken-Inoculation einführte;

Hufeland

für 1790 Christoph Wilhelm Hufeland (1762-I836), der vorbildliche deutsche Arzt und Humanist;

Schiller  Humboldt  Hahnemann

für 1791 den Dichter Friedrich von Schiller (1759-1805), der Naturforscher Alexander von Humboldt (1769-1859) und der Arzt Samuel Hahnemann (1755 - 1843), der Begründer der Homöopathie;

Trommsdorf

für 1792 Johann Bartholomäus Trommsdorf, (1770-1837), der "Vater der wissenschaftlichen Pharmazie" und frühe Vorkämpfer für ein staatliches Gesundheitswesen in Deutschland;

W_Humboldt

für 1794 Wilhelm von Humboldt (1767-1835), der sich u.a. als Begründer der vergleichenden Sprachwissenschaft einen unvergänglichen Namen erwarb;

Tilenau  Kormoran oder Seerabe

für 1802 Wilhelm Gottlieb Tilesius von Tilenau (1769-1857), der 1803/05 als Arzt an Iwan Fjodorowitsch Krusensterns erster russischer Weltumsegelung teilnahm;

Goethe  GayLussac  Thenard

für 1811 Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832), ferner der französische Naturforscher Luis Joseph Gay-Lussac (1778-1850), der das nach ihm benannte Gesetz der gleichen Wärmeausdehnung aller Gase formulierte und an den frühesten Ballonfahrten zu wissenschaftlichen Zwecken teilnahm, sowie sein Landsmann Louis Jaques Thénard (1777-1857), der als führender Experimentalchemiker seiner Zeit das elementare Bor entdeckte (1808) und Wasserstoffperoxyd (1818) synthetisierte, die erste richtige Erklärung der Entstehung der Ester gab und im Urin des Diabetikers den Traubenzucker erkannte;
für 1812 Vincent Ritter von Kern (1760-1809), der bereits 1798 die Kuhpockenimpfung im heutigen Jugoslawien einführte;

Bluecher  Gneisenau  Stein  Schwarzenberg

für 1814 der Generalfeldmarschall Gebhard Leberecht von Blücher (I742-1819), der zweifellos populärste deutsche Heerführer des Befreiungskrieges und nach Friedrich Engels das "Muster eines Soldaten" schlechthin, ferner sein Generalstabchef August Wilhelm Anton Neithardt von Gneisenau (1760- 1831), der große Heeresreformer, geniale Stratege und erklärte Gegner der feudalen Reaktion, sowie der Reichsfreiherr Friedrich Karl vom und zum Stein (1757-1831), der bedeutende Staatsmann, politische Reformer und unbeugsame Patriot, und der seit 1813 als Oberkommandierender aller verbündeten Armeen fungierende österreichische Feldmarschall Karl Philipp von Schwarzenberg (1771-1820), der später ebenso wie Blücher, Gneisenau und Stein wegen seiner kritischen politischen Einstellung gegenüber der beginnenden Restauration in Ungnade fiel;

Tolly  Wellington  Casper

für 1815 der Feldmarschall Michail Bogdanowitsch Fürst Barclay de Tolly (1770-1818), auf den der berühmte Plan zurückging, Napoleon 1812 bewußt in das Innere Rußlands vordringen zu lassen, und der sich als Vorgänger und Nachfolger des legendären Marschalls Kutusow einen Namen machte, sowie der britische Feldmarschall Arthur Wellesley Herzog von Wellington (1769-1852), der zusammen mit Blücher in die Geschichte eingegangen ist als der Sieger von Waterloo;
für 1824 Johann Ludwig Casper (1796-1864), der Begründer der modernen Gerichtsmedizin und schließlich - gerade von uns nicht zu vergessen - der bereits 1754 aufgenommene Erfurter Universitätsprofessor und Gründer der zweitältesten deutschen Poliklinik Johann Wilhelm Baumer (1719-1788), der erste Sekretär der "Akademie nützlicher Wissenschaften zu Erfurt" und ihr eigentlicher geistiger Vater.

Diese wenigen, ausgewählten Namen aus den ersten 70 Jahren des Bestehens der Erfurter "Akademie nützlicher Wissenschaften" legen nicht nur beredtes Zeugnis davon ab, welches hohe nationale, aber auch internationale Ansehen diese berühmte Gelehrtenvereinigung einst besessen haben muß, sondern sie zeigen gleichzeitig, mit welcher leidenschaftlichen Unbedingtheit die Akademie zum Mindesten während der Glanzzeit ihrer ersten sieben Jahrzehnte das große, universelle Ziel stets im Auge zu behalten verstanden hat, ausnahmslos jeder einzelnen Wissenschaft einen ganz bestimmten praktischen gesellschaftlichen Nutzen zuzuerkennen. Diese wenigen, ausgewählten Namen, unter denen diejenigen berühmter Mediziner und Naturwissenschaftler hier eine besondere Berücksichtigung erfahren haben, vermögen aber auch die Größe der Aufgabe und die Schwere der Verantwortun- zu verdeutlichen, der wir uns als Gesellschaft gegenübergestellt sehen, wenn wir in kritischer Weise an die progressiven Überlieferungen dieser alten Gelehrtenvereinigung anknüpfen wollen, um den Gesellschaftlichen Erfordernissen unserer Zeit sowie den ständig steigenden wissenschaftlich-kulturellen Bedürfnissen unserer Menschen zu genügen. Somit erwächst uns zwangsläufig aus dieser Besinnung auf das Vergangene ein zusätzlicher Auftrag, der in den Aufgaben und Zielen unserer Gesellschaft aus gegenwärtiger in die Zukunft gerichteter Sicht im dritten und letzten Teil dieser Ausführungen Gestalt gewinnen soll.

 

Das bereits erwähnte Rahmenstatut Medizinisch-wissenschaftlicher Gesellschaften nach dem SMAD-Befehl 124 bildet auch heute noch das Gerüst unserer Satzungen. Sie sind aber in einigen Punkten revisionsbedürftig. So dürften den Buchstaben nach unserer Gesellschaft nur Ärzte und Stomatologen angehören. Wir wollen uns aber auch an Pharmazeuten, Biologen, Chemiker, Physiker, an alle Hochschulkader wenden, die im Gesundheitswesen und in der medizinischen Forschung wirken.
Der Vorsitzende soll nach den heute noch gültigen Satzungen jährlich gewählt werden. Wenn auch die Wiederwahl zulässig ist und - wie die kurz umrissene Geschichte unserer Gesellschaft zeigt - dies auch häufig praktiziert wurde, so kann ein Vorsitzender doch nur dann einer wissenschaftlichen Gesellschaft Profil geben, wenn er mehrere Jahre Zeit dazu hat. Hier sei in Parenthese erwähnt, daß der umgekehrte Fehler bei der alten "Akademie nützlicher Wissenschaften" zu verzeichnen war. Die Sekretäre als die eigentlichen geistigen Führer der Akademie wurden gewählt und pflegten in ihrem Amt zu sterben. Ein Umstand, den wir bei der Analyse von Höhen und Tiefen dieser gelehrten Gesellschaft nicht außer Acht lassen sollten.
In einem Vorstandsbeschluß von 1974, der von der Mitgliederversammlung bestätigt wurde, haben wir die notwendige Kontinuität der Arbeit in diesem Sinne gesichert. Nicht zuletzt durch die Erweiterung des Vorstandes haben wir eine größere Wirkungsbreite gewonnen. Diesem Vorstand gehören gegenwärtig an: Prof. Dr. Dr. Heidrich als vorangegangener Vorsitzender, Prof. Dr. Wessel, I. Prorektor der Akademie, Prof. Dr. Dr. Markwardt als Prorektor für Wissenschaftsentwicklung der Akademie, Prof. Dr. Güthert als Vertreter der theoretischen Fächer der Medizin, Prof. Dr. Dr. h. c. Dr. h. c. Sundermann als Vertreter der konservativen Fächer, Prof. Dr. Niedner als Vertreter der operativen Fächer, Prof. Dr. Horn als Vertreter der hygienischen Fächer, Frau OMR Dr. Völlkopf als rangältester Vertreter des territorialen Gesundheitswesens, Prof. Dr. Paerschke als Vertreter der Stomatologie, Dozent Dr. Abe als Medizinhistoriker, Oberarzt Dr. Opitz als Sekretär, Frau Dr.Völksch als Schatzmeister.
Wir glauben, durch diese Struktur und Zusammensetzung eine wesentliche Voraussetzung zur weiteren Entwicklung der Gesellschaft geschaffen zu haben. Die formale Änderung der Satzung, ihre Anpassung an die gegenwärtigen Erfordernisse und ihre Orientierung auf künftige Entwicklungen wird eine der nächsten Aufgaben sein, die der Vorstand zu lösen hat.
Wenden wir uns nun den Inhalten unserer Arbeit zu, so ist zunächst festzustellen, daß wir die Berechtigung und die Chance unserer Gesellschaft in einer an Organisationen und Veranstaltungen so reichen Zeit darin sehen, keiner Fachgesellschaft, auch nicht ihren territorialen Sektionen, Konkurrenz machen zu wollen. Wir sehen unsere erste Aufgabe vielmehr darin, über das Engagement des Arztes und Wissenschaftlers in seiner Fachgesellschaft und in ihren Sektionen und Arbeitsgemeinschaften hinaus verbindend zu wirken, die Fortschritte eines jeden Faches der Medizin und aller ihrer Grenzgebiete Ärzten aller Fachrichtungen, Naturwissenschaftlern, Pharmazeuten, kurz allen Hochschulkadern in der gesamten Medizin nahe zu bringen und das aus möglichst berufenem Munde. Hauptträger müssen natürlich die Hochschullehrer der Medizinischen Akademie selbst sein, dazu verpflichtet uns schon der Name, den wir tragen. Aber auch profilierte Gäste aus der Republik und aus dem Ausland werden wir zu Vorträgen und Diskussionen zu gewinnen suchen. Wichtiger als schematisches Proporzdenken sollte hier das zweite Hauptanliegen der Gesellschaft sein: die Maßstäbe wissenschaftlichen Niveaus zu setzen, auch über das engere Territorium hinaus. Jede wissenschaftliche Veranstaltung sollte geprägt sein von Aktualität, Qualität und Allgemeinverständlichkeit des Vorgetragenen für den angesprochenen Kreis, ohne daß durch die letztgenannte Anforderung das Niveau leiden darf. Das ist oft eine höhere Leistung als die knappe Mitteilung neuer Forschungsergebnisse vor Fachgenossen.
Gut war immer die Bereitschaft der anwesenden Mitglieder zur Diskussion des auf Sitzungen Vorgetragenen. Sie war oft lebhaft und hat zuweilen die Form eines Streitgespräches angenommen. Gerade deshalb, der angestrebten Höchstleistung des Vortrages nach Inhalt und Form und der Diskussion wegen, legen wir so großen Wert auf den Besuch unserer wissenschaftlichen Veranstaltungen durch junge Wissenschaftler und durch unsere Studenten, damit sie sich am Bilde des wissenschaftlich engagierten Arztes orientieren und ihren eigenen noch zu gehenden Weg kritisch abmessen können. Wir halten das für eine wichtige Ergänzung der systematischen Lehrveranstaltungen an der Hochschule. Welche Möglichkeiten der Weiterentwicklung im Sinne der vom VIII. Parteitag und der 14. Tagung des ZK der SED gestellten Aufgabe der Förderung des geistig-kulturellen Lebens können wir noch ausschöpfen? Sicher haben wir nicht die Kraft, das Universalitätsideal der alten "Akademie nützlicher Wissenschaften" wieder zu erreichen; hat doch diese berühmte Gelehrtenrepublik, um einen Ausdruck Klopstocks zu verwenden, bereits seit Beginn des 19. Jahrhunderts zunehmend Abstriche machen müssen. Und heute gibt es ca. 2000 Wissenschaftsdisziplinen, die, global gesehen, den Rang von Hochschullehrfächern erlangt haben.
Dennoch wollen wir den Rahmen der Medizin nicht so eng ziehen und alle Wissenschaftler, besonders natürlich die Naturwissenschaftler, die Beziehung zur Medizin haben, zu gewinnen suchen. Wir dürfen dabei nicht bei Pathogenese, Diagnose und Therapie von Krankheiten stehen bleiben, sondern müssen zu ihrer Prävention fortschreiten. Und das nicht nur im Sinne der Früherkennung der Krankheiten, sondern auch und besonders durch das Studium der Mensch-Umwelt-Beziehungen. Die -roßen Fortschritte der Biochemie, der Molekularbiologie, der Immunologie, der Genetik, der Mikroanalytik und vieler anderer Fachgebiete lassen es heute aussichtsreich erscheinen, Umwelteinflüsse auf den Menschen nach intensiver Differenzierungsarbeit zu erkennen und schließlich auch richtig zu bewerten. Denn Umweltschutz dürfen wir nicht nur als Naturschutz und als Landeskultur verstehen, und seine Aufgaben vorrangig in der Beseitigung evidenter negativer Folgen menschlicher Aktivitäten auf die Natur erblicken, sondern auch als Schutz des Menschen vor Einflüssen aus dieser veränderten Umwelt, seien sie chemischer, physikalischer, biologischer oder soziologischer Natur. Denn wenn die großen politischen Probleme der Welt soweit gelöst sein werden, daß die Menschheit in sozialistischer Gesellschaft ohne Angst leben, ihre Persönlichkeit frei entfalten und die Schönheit des Lebens bewußt genießen kann, dann will sie das in einem langen Leben in Gesundheit tun.

 

 

Der Vorsitzende der Medizinisch-wissenschaftlichen Gesellschaft an der Medizinischen Akademie Erfurt, Prof. Dr. H. Horn, bei der Oberreichung der Ernennungsurkunde zum Ehrenmitglied an Stadtarchivdirektor i. R. Fritz Wiegand im Rahmen der Festsitzung vom 26. September 1975 in Schloß Molsdorf anläßlich des 20jährigen Bestehens der Gesellschaft. Die Ehrung von Stadtarchivdirektor i. R. Fritz Wiegand erfolgte in Verbindung mit dessen 80. Geburtstag am 11. April 1975.
Foto: Institut für Allgemeine Hygiene an der medizinischen Akademie Erfurt.

 

Aber die seit Jahrzehnten überzeugenden Fortschritte in der Lebenserwartung der Menschen stagnieren seit einigen Jahren, und die Fortschritte der Medizin und die gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Gewinne können, gemessen an der Lebenserwartung als Zielgröße, durch die zunehmende Umweltbelastung gefährdet zu werden. Das gilt für alle entwickelten Länder mehr oder weniger. Welche Umwelteinflüsse es sind, die unsere Gesundheit auf lange Frist schädigen, darüber haben wir noch sehr geringe Kenntnis; hier anregend und befruchtend zu wirken, soll eine wesentliche neue Aufgabe unserer Gesellschaft sein. Dieses Anliegen könnte auch eine moderne und perspektivische Interpretation des viel umstrittenen Konzepts der Gemeinnützigkeit der Wissenschaften sein und Inhalt wie Grenzen unseres Wirkens in Gestalt einer hohen gemeinsamen Zielstellung abzeichnen. Denn, wie bereits erwähnt, kann die Universalität einer wissenschaftlichen Vereinigung bei der Schnelligkeit der heutigen Wissenschaftsentwicklung und bei der vergleichsweisen Kürze unseres Lebens wohl für immer nur ein Wunschbild bleiben. Das berührt natürlich nicht unser Bekenntnis zur grundsätzlichen Gleichberechtigung aller Wissenschaften.

Niemals dürfen wir jedoch unsere Pflichten gegenüber dem kranken Bürger vernachlässigen. Zur Erhöhung der Qualität der medizinischen Betreuung beizutragen, war stets ein Anliegen unserer Medizinisch-wissenschaftlichen Gesellschaft und wird es auch stets bleiben. Eine solche Orientierung allein ist aber Ziel nahezu aller regionalen medizinischen Gesellschaften. Erst aus dem Kontrast zwischen den Tagesaufgaben und einem Konzept, das weit in die Zukunft weist, kann ein echtes, unverwechselbares Profil erwachsen.
Die nächsten wissenschaftlichen Veranstaltungen unserer Gesellschaft werden dadurch geprägt sein, daß wir die neu an die Medizinische Akademie Erfurt berufenen ordentlichen Professoren bitten werden, über den gegenwärtigen Stand und die Perspektiven ihres Faches zu berichten und uns die wesentlichen Ergebnisse ihres bisherigen eigenen Wirkens vorzutragen. Dies gilt vor allem für die Kollegen der Stomatologie, von denen wir nicht nur eine Verbesserung der stomatologischen Versorgung, sondern auch eine Bereicherung des wissenschaftlichen Lebens unserer Gesellschaft erwarten. Mit der 1975 erfolgten Gründung des ersten Lehrstuhls für präventive Stomatologie in den sozialistischen Ländern überhaupt ist hier bereits ein Akzent gesetzt, der voll und ganz dem Geist unserer Zielstellungen entspricht.
Unser Streben, ein Faktor im geistigen Leben unserer Stadt und unseres Territoriums von zunehmendem Gewicht zu sein, hoffe ich in seinen Umrissen dargelegt zu haben. Wir könnten zweifellos mehr leisten, wenn unsere materiellen Möglichkeiten bessere wären, wenn es uns z. B. möglich wäre, wie die alte "Akademie nützlicher Wissenschaften" jährlich einen Band mit den besten Vorträgen herauszugeben, entsprechend der soeben gegebenen Empfehlung des Koordinierungsrates der Medizinisch-wissenschaftlichen Gesellschaften der DDR einen Preis für die beste eingereichte wissenschaftliche Arbeit zu verleihen; wenn wir außer den Mitgliedern und den stets nach strengen Maßstäben zu ernennenden Ehrenmitgliedern eine begrenzte Anzahl von Mitliedern aufgrund besonders hoher Verdienste wählen würden oder durch Verleihung einer Ehrenplakette besondere wissenschaftliche Leistungen anerkennen könnten. Gewiß kann man dies als Äußerlichkeiten ansehen, aber wer wollte leugnen, daß das Streben nach persönlicher Auszeichnung vor anderen eine starke Triebfeder persönlichen Einsatzes, auch und gerade in der Wissenschaft stets war und wohl auch bleiben wird.
Ein Jubiläum ist auch der rechte Zeitpunkt, allen denen zu danken, die zum Leben und Wirken unserer Gesellschaft beigetragen haben. Der Dank gilt den verdienstvollen Gründern der Gesellschaft, den Vorsitzenden und Vorstandsmitgliedern vergangener Wahlperioden. Einen großen Anteil an unserer Arbeit haben stets die Sekretäre der Gesellschaft gehabt, denen hier für ihre Arbeitsleistung gedankt sei, die sie bereitwillig für ihren Vorsitzenden getragen haben. In den Dank seien auch die Schatzmeister der Gesellschaft einbezogen die gerade wegen der Bescheidenheit unserer Mittel ein verantwortungsvolles Amt ausüben. Nicht vergessen seien die Sekretärinnen der Vorsitzenden die den gesamten Schriftverkehr der Gesellschaft führen und deren bescheidenes Entgeld nur als Anerkennung, nicht als Äquivalent ihrer Arbeit angesehen werden kann. Ihrer und der technischen Helfer in unseren Veranstaltungen sei heute dankbar gedacht.
Lassen Sie mich den Dank abstatten auch allen denen, die die Ziele der Gesellschaft und die Gesellschaft selbst fördern. Allen voran den Rektoren unserer Medizinischen Akademie, unserer Partei- und Gewerkschaftsleitung. In meiner nun gut 1½jährigen Amtszeit habe ich dort stets ideelle und, wenn es nötig war, auch materielle Unterstützung gefunden.
Wenn die heutige Versammlung einen fast elitären Eindruck macht, so bedauern wir das im Interesse der Ferngebliebenen. Wir haben schon viel versucht, die akademische Jugend an uns heranzuführen, und wir werden uns weiter um sie bemühen, nicht nur um die Besten unter ihnen. Unsere Sitzungen werden auch weiterhin Gästen offenstehen, eine persönliche Einladung werden aber auch weiterhin nur die Mitglieder unserer Gesellschaft erhalten Wir haben auch neue Wege versucht, Inhalte, Formen, auch den Ort und die Zeitpunkte unserer Veranstaltungen zu variieren, und die wissenschaftlichen Sitzungen werden heute auch tatsächlich stärker besucht als in vergangenen Jahren.
Wir haben außerdem begonnen, die wissenschaftlichen Veranstaltungen durch gesellige, wie die heutige, zu ergänzen. Möge unsere junge Ärztegeneration verstehen, daß man heute nicht mehr aus traditionellen Formen auf einen antiquierten Inhalt, unzeitgemäßes Wirken und einen wirklichkeitsfremden Geist einer Gesellschaft und einer Berufsgruppe zwangsläufig schließen muß, sondern daß man modernes Denken und bewußtes gesellschaftliches Handeln unbeschadet auch in traditionellem Rahmen pflegen kann.
Wir treten das dritte Jahrzehnt des Bestehens unserer Gesellschaft an, das uns, davon sind wir überzeugt, große äußere Fortschritte im Gesundheitswesen den DDR und im Ausbau unserer Medizinischen Akademie bringen wird. Möge sich das auch im Leben und Wirken unserer Gesellschaft niederschlagen!
Lassen Sie uns mit dem Bekenntnis unserer Gesellschaft zu den humanitären Traditionen unseres ärztlichen Berufes schließen, aber auch mit der Erklärung unserer Bereitschaft, alles in unseren Kräften stehende zu tun, wissenschaftliches Denken, forschendes Arbeiten und ärztliches Handeln für all unsere Bürger immer deutlicher werden zu lassen. Eine wissenschaftliche Gesellschaft wie die unsere, an diesen Grundsätzen orientiert, kann ein echter Rahmen für eines der großen Ziele des Sozialismus sein: die freie Entfaltung der Persönlichkeit. Und das, wie Erich Honecker es einmal formulierte, nicht erst morgen oder irgendwann, sondern schon hier und heute.

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letzte Aktualisierung: 26.05.10 14:32